Der
Schmetterlingsflügelschlag
Stefan Zweig nannte es Sternstunden der Menschheit – jene wenigen, verdichteten Momente, in denen eine Entscheidung, ein Fehler, den Lauf von Jahrhunderten bestimmt. Er hat eine vergessen.
Es gibt in der Geschichte Momente, in denen ein Flügelschlag an einem kleinen Ort ein Erdbeben am anderen Ende der Welt auslöst. Dürnstein ist ein solcher Ort.
Der Schmetterlingflügelschlag zwischen Dürnstein und Runnymede
Am 21. Dezember 1192 schlägt dieser Flügel. Richard Löwenherz, König von England, Herzog der Normandie und Aquitaniens, wird bei Erdberg von Mannen des Babenberger-Herzogs Leopold V. fest genommen und von Hadmar II, von Kuenring in Dürnstein verwahrt.
Die Forderung: 150.000 Mark reines Silber. Das ist kein Lösegeld. Das ist eine Staatspleite. Es entspricht dem Zwei- bis Dreifachen der jährlichen Einnahmen der gesamten englischen Krone.
In England presst Eleonore von Aquitanien das Land aus, um Ihren Sohn freikaufen zu können. Ein Viertel aller Einkommen. Erbschaften. Heiratslizenzen. Der Saladin-Zehnt. Die Chronisten berichten, dass selbst Kelche aus den Kirchen eingeschmolzen wurden: Was der kleine Babenberger-Herzog Leopold V. und sein Ministeriale Hadmar II. von Kuenring im Winter 1192 hier in Dürnstein schafften, war mehr als nur Raubrittertum.
Es war ein welthistorischer Tabubruch.
Richard Löwenherz, König von England, Herzog der Normandie und Aquitaine, kehrt vom Dritten Kreuzzug heim. In Erdberg bei Wien wird er erkannt, gefangen genommen und an Hadmar II Kuenring, Herrschaft Dürnstein übergeben.
Was so abenteuerlich klingt, war in Wahrheit ein kalkuliertes Staatsverbrechen – mit zumindest stillschweigender Zustimmung Kaiser Heinrichs VI.
Der doppelte Tabubruch
Hadmar und Leopold haben dabei wissentlich zwei unantastbare Prinzipien des Mittelalters gebrochen.
Erstens: Sie haben den vom Papst verfügten und ex lege_ wirkenden Schutz für Kreuzfahrer gebrochen. Peregrini et crucesignati standen unter dem besonderen Schutz der Kirche. Wer sie angriff, war automatisch exkommuniziert. Wer Lösegeld für sie forderte, machte sich der Simonie schuldig. Aus niederen, von reiner Geldgier getriebenen Motiven haben sich Leopold und Hadmar damit selbst ins kirchenrechtliche Out gesetzt.
Zweitens: Sie haben das unantastbare _sacred kingship verletzt. Einen gesalbten König, einen _Christus Domini_, zu fangen, in Ketten zu legen und wie eine Ware zu verschachern – das war Sakrileg. Der König war nicht nur Herrscher, er war die von Gott gesetzte Ordnung auf Erden.
Diese doppelte Grenzüberschreitung war ein Tabubruch, der sich rächen sollte.
Leopold starb nur ein Jahr später 1194 nach einem harmlosen Turniersturz an Wundbrand – ohne Absolution, immer noch im Kirchenbann. 50.000 Mark reines Silber – das Lösegeld für Richard – wurde zum Fluchgeld. Ja, unter anderem Wien baute daraus seine Stadtmauer und Wiener Neustadt. Aber der Makel von Dürnstein blieb.
Das Erdbeben in Runnymede
Und genau hier enfaltet der Schmetterlingflügelschlag seine Orkan-Wirkung.
Was Leopold und Hadmar 1192 in Dürnstein beweisen: selbst der mächtigste König der Christenheit gefangen, eingesperrt ist erpressbar– das haben 23 Jahre später die englischen Barone verstanden.
Nur: Leopold und Hadmar wollten Silber. Die Barone in England wollten Rechte.
Richard kehrt 1194 zurück, vergibt – aber England ist leer.
Als Richard 1199 bei Châlus stirbt, erbt John Johann Ohneland nicht ein Reich, sondern einen Bankrott.
Um die Verluste in Frankreich zu kompensieren, verliert er 1204 die Normandie, Anjou, Maine – alles. Die Barone, die einst Land auf beiden Seiten des Kanals hatten, sind nun gezwungen, Engländer zu werden. Und sie haben genug davon, für die Abenteuer ihrer Könige zu bezahlen.
Sie haben 1192 gelernt, was passiert, wenn ein König unbegrenzt Geld fordern kann.
Am 15. Juni 1215, nur 23 Jahre nach Dürnstein, zwingen auf der Wiese von Runnymede Richards eigenen Bruder, Johann Ohneland, die Magna Carta zu siegeln. Sie verbietet genau das: Keine Steuer ohne Zustimmung. Keine willkürliche Haft. No taxation without consent. No free man shall be imprisoned without lawful judgment._
Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte muss ein König anerkennen, dass auch er dem Recht unterworfen ist. No free man shall be seized or imprisoned... except by the lawful judgement of his equals._
Der Gedanke, dass königliche Macht begrenzbar ist, ist in Dürnstein auf unehrenhafte Weise praktisch erprobt worden. In Runnymede wurde er zu Recht gegossen.
Aus dem Raubrittertum von Dürnstein wurde Europas Verfassungsrecht. Aus dem unfreiwilligen Aufenthalt in Dürnstein wurde Habeas Corpus.
Aus dem Lösegeld wurde die Rule of Law.
Die Magna Charta Libertatum. Mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings auch ein Erbe der Wachau. Der Schmetterlingsflügelschlag von Dürnstein – ein Ritter, der vom Kreuzzug heimreitet, im Winter in der Wachau festgehalten wird – ermöglicht das fundamentale Dokument aller europäischen Verfassungen.
In Dürnstein wurde ein König festgehalten. In Runnymede die Macht der Könige eingesperrt. Für immer.
AUTOR: Dr. Gottfried Thiery
Dr. Gottfried Thiery ist gebürtiger Dürnsteiner, Rechtsanwalt und engagierter Bewahrer des kulturellen Erbes der Wachau. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Geschichte Dürnsteins, Richard Löwenherz und Alienor d'Aquitaine. Als Autor, Herausgeber und Kenner der Region verbindet er historische Forschung mit persönlicher Leidenschaft.